über 50 Jahre Lebenshilfe Rhein-Lahn
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“Jeder Mensch hat ein Recht auf Bildung”  

Organisationstalent, Vermittlerin, Beraterin: Juliane Bieda hat in ihrem Berufsalltag viele Funktionen. Als Fachbereichsleiterin steht sie dem “Fachdienst für Integrationspädagogik” (FIP) vor. Was es mit Integrationskräften und Inklusion auf sich hat, erzählt sie im Interview.

Frau sitzt vor einem Laptop am Schreibtisch und schaut in die Kamera.Frau Bieda, Sie sind bei der Lebenshilfe Rhein-Lahn die Fachbereichsleitung des FIP – wofür steht FIP eigentlich?

FIP – so nennt sich der Fachdienst für Integrationspädagogik bei der Lebenshilfe Rhein-Lahn. Wir möchten, dass beeinträchtige Kinder und Jugendliche die gleichen Chancen haben wie andere auch. Sie sollen gleichberechtigt sein und an den unterschiedlichsten Angeboten im Bereich Bildung und Erziehung teilhaben können, sei es im Kindergarten, in der Grundschule oder an weiterführenden Schulen. Wir finden: Jeder Mensch hat ein Recht auf ungehinderten Zugang zu Bildung. Menschen mit Behinderung sollen hierbei nicht benachteiligt oder diskriminiert werden. Aktuell begleiten in unserem Fachbereich 62 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie 3 Vertretungskräfte 59 Kinder im Rhein-Lahn-Kreis.

Was genau sind Ihre Aufgaben als Fachbereichsleitung?

Als Leiterin des FIP berate ich Familien, Schulen und Kindergärten bei Fragen der Inklusion, bei der Umsetzung des pädagogischen Auftrags, bei der Schulwahl und Antragsstellung sowie bei der Zusammenarbeit mit Integrationskräften. Ich agiere hierbei oft als Schnittstelle und Vermittlerin zwischen Schule, Familie und Integrationskraft. Ich habe aber auch jede Menge administrativer Aufgaben. Wenn eine Maßnahme vom Kostenträger, also vom Jugend- oder Sozialamt genehmigt ist, erfasse ich die Klientendaten, nehme Kontakt zur Schule auf und suche einen geeigneten Mitarbeiter. Während einer laufenden Maßnahme dokumentiere ich den Verlauf, schreibe die Teilhabeplanung fort und überprüfe und messe die Qualität und den Erfolg der Maßnahme.

Integrationskraft ist ein recht sperriger Begriff – was genau ist eine Integrationskraft und was macht sie?

Unsere Integrationskräfte begleiten Kinder und Jugendliche in Kindergärten und Schulen. Ihre Aufgaben sind recht breit gefasst und richten sich individuell nach den im Hilfeplan beschriebenen Hilfen. Das kann zum Beispiel sein: Das Kind dabei zu unterstützen, seinen Schulalltag zu strukturieren oder seine Arbeitsmaterialien zu organisieren. Manche Kinder brauchen Unterstützung in bestimmten Schulfächern, andere im sozialen Miteinander mit Klassenkameraden, Lehrern oder Erziehern. Andere Aufgaben können die Begleitung auf dem Schulweg oder die Förderung von Mobilität und Selbstständigkeit sein. Der Umfang und die konkrete Ausgestaltung sind jeweils abhängig von den Fähigkeiten des Kindes, seinen Besonderheiten und Einschränkungen, dem Klassenumfeld und dem Bildungsziel der Schule. Das langfristige Ziel ist die Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Kinder.

Benötigen Integrationskräfte eine besondere Qualifikation?

Eine pädagogische Aus- bzw. Vorbildung wie zum Beispiel als Heilerziehungspfleger, Erzieher oder Sozialassistent sieht der Kostenträger nur in den wenigsten Fällen vor. In der Regel werden Mitarbeiter ohne pädagogische Ausbildung eingesetzt. Es ist also in den meisten Fällen keine spezielle Ausbildung zum Integrationshelfer bzw. Schulbegleiter nötig oder vorgesehen. Lediglich Kinder mit größerem Förderbedarf bekommen eine „qualifizierte Schulbegleitung“ zur Seite gestellt. Um als Integrationskraft zu arbeiten, sollte man gerne mit Kindern oder Jugendlichen umgehen, offen und kommunikativ sein, selbstständig arbeiten können und sicher auftreten.

Die Lebenshilfe als Arbeitgeber und Erbringer der Leistung bietet jedoch fortwährend interne Weiterbildungsmöglichkeiten an, um die Mitarbeiter für den Alltag in Schulen und Kindergärten und für ihre Aufgaben als Integrationskraft zu rüsten. Dazu gehören pädagogische Grundlagen, Umgang mit herausforderndem Verhalten, Basiswissen zu bestimmten Beeinträchtigungen, aber auch zu rechtlichen oder organisatorischen Themen.

Vor welchen Herausforderungen stehen Integrationskräfte in ihrem Arbeitsalltag?

Zum einen sehen sich Integrationskräfte nicht selten mit herausforderndem oder oppositionellem Verhalten der betreuten Kinder konfrontiert, dem sie standhalten und zielfördernd begegnen müssen. Zum anderen „dringen“ Integrationskräfte in ein bestehendes System „Schule“ oder „Kita“ ein, in dem sie sich zurechtfinden, anpassen und ihren Platz finden müssen. Nicht selten kommt es dann zu Konflikten durch unklare Rollenverteilung, Verständigungsprobleme und fehlende Absprachen, aber auch durch mangelnde Akzeptanz der Integrationskraft durch das betreute Kind oder Lehrkräfte. Wir als Arbeitgeber versuchen dann, unsere Mitarbeiter zu stärken – sei es durch fachliche Weiterbildungen oder individuelle Fallbesprechung und Supervision.

Wie kann die Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Integrationskräften und Eltern gelingen?

Integrationskräfte sind häufig keine Fachkräfte und bringen selten pädagogische Vorerfahrung mit. Sie müssen daher durch die Schulleitung und durch die Lehrkräfte des jeweiligen Kindes begleitet und angeleitet werden. Ihre Aufgaben, aber auch die Grenzen ihrer Zuständigkeit sollten möglichst verbindlich und konkret geregelt sein. Dies kann nur durch eine offene Kommunikation und einen respektvollen Umgang miteinander geschehen. Das betrifft auch den Austausch mit den Eltern, denn auch das soziale Umfeld und die familiäre Situation haben Einfluss auf die Zusammenarbeit zwischen Integrationskraft und Kind.

Integrationskräfte betreuen Kinder mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen und an einer Vielzahl von Schulen. Ist dieses Konzept für alle Kinder geeignet?

Integrationskräfte geben den Kindern Struktur und Ordnung und vermitteln Sicherheit – natürlich unter Berücksichtigung der individuellen Problematik. Sie ermöglichen es diesen Kindern, am Unterricht in Regelschulen teilzunehmen und sich durch die Hilfe des Schulbegleiters dem Schulsystem anzupassen. Grundsätzlich sollte das Ziel aber sein, dass sich das Schulsystem den Kindern anpasst. In einigen Fällen stellen wir innerhalb der Qualitätsmessung fest, dass die Maßnahme nicht den gewünschten Erfolg hat. Dann entscheiden wir individuell und mit Blick auf das Wohl des Kindes zusammen mit den beteiligten Instanzen – Kostenträger, Schule, Familie –, ob dieses Konzept geeignet ist oder ob andere Hilfemaßnahmen besser wären.

Grundsätzlich ist die Entscheidung für oder gegen eine Eingliederungshilfe in Form einer Integrationskraft immer eine individuelle Entscheidung des Kostenträgers. Dieser prüft aufgrund fachlicher Stellungnahmen – zum Beispiel Gutachten von Ärzten oder Therapeuten – die Anspruchsvoraussetzungen. In der sogenannten Teilhabekonferenz wägt der Kostenträger das Für und Wider ab und entscheidet über Ziele und Hilfemaßnahmen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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