über 50 Jahre Lebenshilfe Rhein-Lahn
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Erfahrungsberichte einer Klientin  

Ein Konzert mit Assistenz …

In meinem Wohnzimmer begleiten mich meine Instrumente bis heute, Tag für Tag erinnern sie mich an jene mit warmen Klängen erfüllte Zeit, in der ich selbst musiziert habe. Viele Jahre sind seither vergangen, seit ich meine Bratsche zum letzten Mal selbst strich, seit ich die Tastatur meines Klaviers zuletzt anschlug oder wir Klavier zu vier Händen spielten. Es ist lange her, dass ich die Notenblätter lesen konnte. Alles das ist vorbei.

Heute bin ich fast taubblind und im Rollstuhl. Ertaubt bin ich zwar nicht vollständig, meine Welt ist nicht still, jedoch bin ich inzwischen ganz ohne Sprachverständnis und dadurch in vieler Hinsicht abgeschnitten vom Puls des Lebens. Die Musik aber ist mir geblieben, lebendig geblieben mitten in mir. Es gelingt mir zwar längst nicht mehr, die feinen Nuancen einzelner Instrumente aus der Klangfülle eines Ensembles differenziert herauszuhören, die Wahrnehmung des orchestralen Klangkörpers selbst ist mir aber erhalten. Ich kann mich bis heute von dieser wunderbaren Musik einfangen und mitnehmen lassen, den Orchesterwerken folgen – die Aufführung erleben und wirken lassen!
Seit drei Jahren lebe ich allein, seit einem Jahr habe ich persönliche Assistenz. In den letzten Wochen wurden die Pandemie-Regelungen gelockert, mein Assistenzteam und ich sind komplett geimpft. Die Konzertsaison wurde wiederbelebt – und ich war seit Jahren erstmals wieder dabei!

Im Vorfeld hatte ich mit meiner Assistentin alles besprochen. Sie hatte daraufhin mehrfach telefoniert, die Gegebenheiten der Lokalität im Hinblick auf Barrierefreiheit genau erfragt, den Rollstuhl angemeldet, die Parkmöglichkeiten für das Auto abgeklärt und die Konzertkarten vorbestellt. Es gab regulär keine Platzreservierung, und dennoch … Ich durfte den für mich bestmöglichen Platz schon Tage zuvor selbst auswählen und dem Veranstalter zwecks Reservierung mitteilen.

Alles war so gut vorbereitet, der Tag konnte kommen – und er sollte so schön, so entspannt und entspannend werden! Ich konnte ganz unbesorgt sein, „einfach nur hingehen“, genießen, Musik erleben, denn ich wusste, meine Assistentin war dabei und zu jeder Hilfestellung bereit. Sie würde sich kümmern, sofern ich es möchte und sie darum bitte. Genau das ist übrigens das Schöne: Meine persönliche Assistenz drängt sich mir nie auf, ich gehe meinen Weg allein, wo immer ich auch bin, was immer mir gefällt, ich entscheide alles selbst. Meine Assistentin hilft mir dort, wo ich es brauche, möchte und nachfrage. Anzubieten braucht sie mir ihre Hilfe nicht, weil sie weiß, dass ich sie selbst fragen werde. Wir sind ein Team!
Und irgendwann, für mich nach einer gefühlten Ewigkeit, ging es dann tatsächlich los mit der Bläser-Serenade von Dvorak, für zehn Bläser, Cello und Bass. So heiß erwartet, fühlte ich mich plötzlich wie kalt geduscht … Im ersten Satz konnte ich praktisch nicht folgen; hatten meine Ohren wirklich so stark abgebaut? Wie schade! Aber irgendwie konnte ich mich einhören, und schon im zweiten Satz merkte ich, wie die Musik zu mir zurückkam, als meine Fußzehen wie gewöhnlich den Takt klopften, genauso
wie damals, als ich noch selbst spielen konnte.

Nach der Pause kam dann für mich das Highlight des Konzerts mit Griegs Holberg-Suite
für Streichorchester – „meine“ Streicher! Schon im Präludium hatte ich keinerlei Mühe, hatte das Thema
sehr schnell, konnte folgen, den Dirigenten beobachten, und fühlte mich fast integriert, obwohl ich ja
nur mit den Fußzehen den Takt klopfte….

Nach dem Applaus und einer Zugabe war es viel zu schnell vorbei, viel zu schnell, ich hätte noch lange
bleiben und lauschen können …

Es war ein großartiges Konzert! Für mich war es zudem eine höchst bewegende Erfahrung, mit welcher
Leichtigkeit ich trotz vieler Einschränkungen wieder relativ unbeschwert teilhaben und erleben kann,
was mich begeistert und fasziniert, ermöglicht durch das Engagement meines wunderbaren
Assistenzteams von der Lebenshilfe Rhein-Lahn. Herzlichen Dank!

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